Die Wochen der Entscheidung

31. Oktober 2020

Beitrag in "Die Welt" von Tom Kollmar

Markus Gisdol ist als Trainer des 1. FC Köln historisch erfolglos. Seit dem Re-Start wartet der Klub auf einen Sieg. Jetzt gastieren auch noch die Bayern beim Krisenklub

Am Dienstag wurde in Köln der Spaß offiziell abgesagt. Oberbürgermeisterin Henriette Reker verkündete bei einer Pressekonferenz im Rathaus zusammen mit dem Präsidenten des Festkomitees Kölner Karneval die Absage des Sessionsauftakts. Die Corona- Infektionszahlen seien zu hoch für ausgelassene Feiern am 11.11. Am Geißbockheim, dem Klubhaus des 1. FC Köln, wird man diese Nachricht, die die Domstadt in ihren Grundfesten erschüttert hat, höchstens beiläufig registriert haben. Feierstimmung würde hier wohl auch ohne Corona kaum aufkommen. Der Klub, seit 2015 ein eingetragener Karnevalsverein, steckt tief in der Krise. Das 1:1 beim VfB Stuttgart war bereits das 15. Spiel in Serie ohne Sieg unter Trainer Markus Gisdol – Negativrekord für einen Köln-Coach. Zuletzt gewann Gisdol im März vor der Corona-Unterbrechung eine Bundesligapartie, 2:1 siegte der Klub damals beim heutigen Zweitligisten SC Paderborn. Auch der Start in die neue Saison lief nicht besser. Köln steht auf dem Relegationsplatz, holte aus den ersten fünf Spielen zwei Punkte. Nur die Krisenklubs Schalke 04 und Mainz 05 sind ebenfalls noch ohne Dreier.

Am Samstag (15:30 Uhr) kommt nun der FC Bayern München zum ungleichen Duell an den Rhein. Dass dort die über siebenmonatige Sieglosserie des FC unterbrochen wird, ist unwahrscheinlich. „Es gibt derzeit keine Mannschaft auf dem Niveau von Bayern München“, sagte der Kölner Coach. Das Spiel gegen den Rekordmeister sei aktuell die „größte Aufgabe im Weltfußball“. Auch wenn die Entscheidung, Bundesligapartien in naher Zukunft ohne Zuschauer stattfinden zu lassen, den Verein finanziell hart trifft, könnte es dem Trainer helfen. Schließlich ist das Kölner Publikum für seine emotionalen Ausbrüche bekannt, sodass bei einer zu erwartenden hohen Niederlage und wegen der derzeitigen Durststrecke am Samstagnachmittag ein donnerndes Pfeifkonzert durch Müngersdorf hallen und der Trainerdiskussion eine neue Dynamik geben würde.

Denn bisher sind Zweifel an Gisdol nicht auszumachen – jedenfalls wenn man den Sportchef fragt. Horst Heldt hat diese Woche seinem Trainer demonstrativ den Rücken gestärkt. Mehrfach sogar. „Ich führe keine Trainerdiskussion“, stellte Heldt in einem Interview mit dem „Geissblog“ klar und fügte außerdem hinzu: „Und das nicht, weil es vielleicht blöd für mich aussähe, wenn ich nach der Vertragsverlängerung Abstand davon nehmen würde. Ich mache immer nur das, wovon ich absolut überzeugt bin.“

Erst im Sommer war der Kontrakt von Gisdol bis 2023 verlängert worden. Obwohl der 51-Jährige da bereits lange Zeit ohne Sieg war und obwohl sich das Arbeitspapier durch den Klassenerhalt bereits ganz von alleine um ein Jahr verlängert hatte. In die gleiche Kerbe schlug Heldt auch im Podcast „Phrasenmäher“ der BILD. Auch dort sagte er unmissverständlich: „Wir sind von seiner Arbeit überzeugt.“ Ergebnisse seien dabei „nicht das übergeordnete Kriterium“, sondern der Glaube an das Erreichen des Saisonziels. Und das sei der Klassenerhalt. Auch warum mit Gisdol die Wende gelingen kann, führte Heldt aus. Der Trainer sei „stressresistent“ und „engagiert und als Teamplayer unterwegs“. Weiter sagte er: „Wenn alle so arbeiten würden wie er, hätten wir mehr als zwei Punkte.“ Heldt akzeptiere, wenn die Diskussion von außen geführt werde, und er könne die Leute auch nicht davon abbringen. „Und natürlich überprüfen wir uns selbst permanent. Aber es gibt auf der Faktenseite viele Argumente, warum wir die 15 Spiele ohne Sieg anders betrachten.“

Fakt ist: Die Saisonvorbereitung war kompliziert, Markus Gisdol hatte erst ganz zum Ende der Transferphase die Schlüsselspieler zur Verfügung. Mit den abgewanderten Mark Uth (Schalke) und Jhon Cordoba (Hertha) und den in den ersten vier Spielen verletzten Ismael Jakobs und Florian Kainz fehlte dem Trainer die komplette Stammoffensive der Rückrunde. Gegen Stuttgart, von der völlig verschlafenen Anfangsphase einmal abgesehen, zeigte Köln nun das erste Mal in dieser Saison über fast die gesamte Spieldauer eine ordentliche Leistung. Fakt ist aber auch: Hinten leistet sich die Mannschaft zu viele einfache Fehler, die zu Gegentoren führen, und im Spiel nach vorne fehlen häufig die Ideen. Zu oft rennt Köln nach frühen Gegentoren einem Rückstand hinterher. Und in keinem Spiel in der aktuellen Saison ging die Mannschaft in Führung. Nur gegen Bielefeld kassierte das Team in der ersten Halbzeit kein Tor, gegen Stuttgart fiel der Gegentreffer bereits nach 24 Sekunden. Auch gegen Hoffenheim (nach 3 Minuten) und Mönchengladbach (14) lag Köln schnell hinten. Außerdem verschuldete die Verteidigung bereits drei Elfmeter in nur fünf Spielen.

Der historisch erfolglose Gisdol lässt sich trotz allem nicht aus der Ruhe bringen. „Es wird für uns ganz wichtig sein, in aller Ruhe diese Saison zu spielen. Mit viel Ruhe, Energie und fleißiger Arbeit kann man die Liga halten. Wir haben eine Mannschaft auf dem Platz, die das schaffen kann“, sagte er nach dem Spiel gegen Stuttgart. Für den 51-Jährigen werden die nächsten drei Partien zu Schicksalsspielen. Gegen die Bayern erwartet niemand einen Sieg. Doch danach spielt der FC in Bremen, anschließend zu Hause gegen Union Berlin. Gewinnen die Kölner beide Partien, hätten sie nach acht Spieltagen acht Punkte. Gisdols Vorgänger Achim Beierlorzer hatte in der vergangenen Saison nach der gleichen Anzahl absolvierter Spiele nur sieben Punkte und wurde noch vor der Winterpause entlassen, obwohl er keine negative Vorbelastung der vergangenen Saison mit sich herumschleppte. Gefeiert wird am Geißbockheim in absehbarer Zeit also wohl kaum.