Emotion + Tradition = Zukunftsmodell

26. September 2016

Beitrag auf faz.net von Richard Leipold

Gernegroß war gestern. Der 1. FC Köln hat sich mit einer Mischung aus Bodenhaftung und Beharrlichkeit neu erfunden – und ist nun eine willkommene Alternative zu den neureichen Klubs mit mäßiger Strahlkraft.

Es kommt immer wieder vor, dass Parallelen zwischen Fußball und Religion gezogen werden. Als erster Verein, der dafür in Frage kommt, wird hierzulande meist Schalke 04 genannt. Aber manchmal scheinen die Grenzen auch anderswo fließend, etwa dann, wenn der 1. FC Köln das Liedgut für eine Messe liefert. Als vor kurzem im Kölner Dom die Orgelversion der FC-Hymne „Mer stonn zo dir, FC Kölle“ (Wir stehen zur dir, FC Köln) ertönte und die Menschen dazu sangen, saßen Männer, die rot-weiße Schals quer in die Höhe reckten, nicht weit entfernt von Nonnen, die Berufskleidung trugen. Vereinspräsident Werner Spinner zeigte sich „tief beeindruckt von einem sensationellen Erlebnis“. Das war noch bevor der rheinische Traditionsklub in der Bundesliga zum Höhenflug ansetzte.

Ob die Kölner Fußball spielen oder nur darüber reden und singen – sie füllen das Vereinsmotto „Spürbar anders“ mit Leben. Vor dem Heimspiel an diesem Sonntag gegen RB Leipzig (17.30 Uhr / Live im Bundesliga-Ticker auf FAZ.NET) belegt der „FC“ in der Tabelle einen vorderen Platz und erscheint in einem anderen Licht, nicht mehr als Gernegroß, sondern als emotionaler Verein, der seinen aktuellen Status genießt, wie lange er auch anhalten mag. Köln gegen Leipzig – für Peter Stöger, den Cheftrainer, ist diese Begegnung „am fünften Spieltag gefühlt schon ein Spitzenspiel“. Das liegt nicht nur am Tabellenstand. Für ihn gebe es in Köln überhaupt nur Spitzenspiele, sagt der Fußball-Lehrer, „weil es in dieser Stadt so viel Spaß macht“. Unabhängig von Stögers Wohlgefühl werden die Kölner nicht mehr als heruntergekommener Mittelklasseklub wahrgenommen, sondern als willkommenes Gegengewicht zu wohlhabenden, aber nicht übermäßig beliebten Vereinen wie Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, Leipzig oder Ingolstadt. Endlich wieder ein Verein, der die Frage aufwirft, ob wirklich nur Geld Tore schießt oder vielleicht doch auch Tradition.

Nach vier Runden Bundesliga-Zweiter – so gut ist Köln seit mehr als einem Vierteljahrhundert nicht gestartet. Das erfreut auch eine FC-Legende, die gute wie schlechte Zeiten miterlebt hat und jetzt im Präsidium sitzt: Harald „Toni“ Schumacher. Der aktuelle Erfolg tue ihm „in der Seele gut“, sagt er. „Ich bin ja Zeitzeuge, ich habe erlebt und dazu beigetragen, wie schön es war, in diesem Klub Erfolg zu haben mit Heinz Flohe und vielen anderen großen Spielern.“ Das ist lange her. Schumacher schwankt zwischen den Erinnerungen, die ihm als Meisterspieler geblieben sind, und den aktuellen Aussichten, die besser sind als erwartet. Trotz des guten Starts geben die Kölner sich bescheiden. „Wir haben nun im dritten Bundesliga-Jahr in Folge die erfreuliche Situation, erfolgreich in die Saison gestartet zu sein“, sagt Stöger. „Wir mussten nie bereits nach dem ersten Spieltag darüber diskutieren, ob wir etwas und, wenn ja, was wir verändern müssen. Das macht die Arbeit natürlich leichter.“

Köln neigt von Natur aus zum Überschwang – das birgt Gefahr

Dennoch besteht in einer pulsierenden, von Natur aus zum Überschwang neigenden Fußball-Stadt wie Köln immer die Gefahr, dass die Fans überschnappen. Auch deshalb empfindet Schumacher es als angenehm, vor allem darauf angesprochen zu werden, dass es „bei euch endlich mal ruhig ist“. Der frühere Nationaltorwart wertet diese Wahrnehmung als „Bestätigung dafür, dass wir viele Dinge richtig gemacht haben, auch wenn wir in viereinhalb Jahren nicht alles nachholen konnten, was in zwanzig Jahren versäumt wurde“. Präsident Spinner und seinem „Vize“ Schumacher ist es gelungen, in Geschäftsführer Jörg Schmadtke und Trainer Stöger zwei Männer für das operative Fußball-Geschäft zu gewinnen, die planvoll an das Projekt FC herangegangen sind und seit mehr als drei Jahren seriös ihre Arbeit machen. „Das sind die richtigen Leute am richtigen Ort“, sagt Schumacher. Besonders hebt er Stöger hervor, „den perfekten Dirigenten aus Wien“.

Angesichts des sportlichen Erfolgs steigen in Köln, bei aller Zurückhaltung, natürlich die Erwartungen. Kann der FC am Ende vielleicht sogar die Europapokalränge erreichen? Ganz abwegig erscheint das nicht mehr. Der aktuelle Erfolg ist kein Zufallsprodukt, sondern ein Entwicklungsschritt. Schmadtke und Stöger haben Köln aus der zweiten Liga in die erste geführt und den Klub dort auf ordentlichem Niveau zukunftssicher gemacht – mit Tendenz nach oben. „Die Mannschaft hat in den bisherigen beiden Bundesliga-Jahren häufig bewiesen, dass sie es jedem Gegner sehr schwer machen kann. Wir haben in der vergangenen Saison Spiele gegen Leverkusen, Gladbach, Schalke und Dortmund gewonnen“, sagt Stöger. „Es ist keine Überraschung mehr, wenn wir gegen diese Mannschaften punkten. Allerdings sind wir noch nicht so weit, dass wir derartige Leistungen jede Woche mit großer Selbstverständlichkeit abrufen können.“

Jedenfalls sind sie „spürbar anders“. Das alte Dogma der „elitären Arroganz“, das auf den vormaligen Manager Michael Meier zurückgeht, ist einer zeitgemäßen Haltung der Demut gewichen. Dieser Mentalitätswechsel hat sicher dazu beigetragen, den FC auf solide Füße zu stellen. Manches Versäumnis mag noch nachwirken, aber dem Management ist auch einiges gelungen, was nicht jeder erwartet hat. Nationalspieler Jonas Hector und Mittelfeldtalent Leonardo Bittencourt haben langfristige Verträge mit dem FC abgeschlossen. Hector spürte die beinahe religiöse Wirkung des Klubs sogar vor dem Elfmeterschießen gegen Italien im Viertelfinale der Europameisterschaft. Rechts hinter dem Tor hing ein Transparent mit roter Schrift auf weißem Grund: „Am 8. Tag schuf Gott den 1. FC Köln“. Auch umworbene Profis wie Torhüter Timo Horn und Stürmer Anthony Modeste haben Avancen anderer Vereine widerstanden – in Schumachers Augen „zwei Typen, die nicht raushängen lassen, wie gut sie sind“, dem Klub aber ein Gesicht geben.

Überraschungen machen das Kölner Leben aus

Stöger wundert sich manchmal noch darüber, dass der FC bei Modeste überhaupt zum Zuge gekommen ist, als der Angreifer in Hoffenheim vor einem Jahr zum Verkauf stand. Aber genau solche Überraschungen machen das Kölner Fußball-Leben aus. Mancher fühlt sich an Leicester City erinnert, den englischen Fußballmeister, der nach einem erfolgreichen Start noch belächelt, nach dem Titelgewinn aber gefeiert wurde – als krasser Außenseiter, der die reichen Klubs aus Manchester oder London hinter sich gelassen hat. Der frühere Nationalspieler Lukas Podolski, eine FC-Ikone, sieht seinen Lieblingsverein schon auf den Spuren des englischen Meisters wandeln. Nach dem jüngsten Sieg seines Heimatvereins auf Schalke twitterte Podolski: „1.FC Leicester City“. Damit trifft er den Ton der Fans, die gern übertreiben, dabei jedoch oft eine gewisse Selbstironie wahren.
Die Art, den Erfolg zu genießen, kommt auch in der Mannschaft an. „Unsere Fans können feiern, da wollen wir auch nicht bremsen“, sagt Kapitän Matthias Lehmann. „Wir saugen das auf, das gibt uns Selbstvertrauen. Wenn man aus vier Spielen zehn Punkte holt, gibt es ordentlich Grund zu feiern auf den Rängen und in der Stadt.“ Auch Toni Schumacher kann sich der Hochstimmung schwer entziehen. Er vergleicht den FC mit einem schlafenden Riesen, bleibt aber zurückhaltend. „Jetzt bringen wir den Riesen erst einmal in die Sitzposition, dann richten wir ihn wieder auf“, sagt er. Früher hätte das schneller gehen müssen, da hätte der Riese gleich wieder stehen müssen. „Aber so einem Karnevalsverein wie uns tut ein wenig Ruhe auch gut“, sagt Schumacher.