Beitrag auf sueddeutsche.de von Milan Pavlovic
Dank Luca Kilian, einem Leihspieler des Gegners, dreht der 1. FC Köln ein 0:2 gegen Mainz in ein 3:2 - von Trainer Baumgart gibt es ein vergnügtes Lob.

Reiner Calmund, ein Pfiffikus unter den Fußball-Managern, hat sich in dieser Angelegenheit vermutlich das Copyright für den deutschsprachigen Raum gesichert: Vor 20 Jahren ließ der Leverkusener Strippenzieher den unzufriedenen Stürmer Paulo Rink im Winter auf Leihbasis nach Nürnberg ziehen - unter der Bedingung, dass der Deutsch-Brasilianer in Partien gegen den Werksklub nicht mitspielen durfte. Wie bei so vielen schlauschlumpfigen Ideen des Managers meldeten sich rasch Beobachter, die sich Sorgen über die ethische Dimension dieser Aktion machten. Aber inoffiziell fanden viele den Kniff gut, und in Köln gab es vor gut zwei Jahren den Fall, dass Mark Uth von Schalke 04 an den Rhein wechselte, aber gegen die Königsblauen nicht ran durfte.
Die meisten solcher Transfers mit Kleingedrucktem betrafen bisher Stürmer, aber das muss jetzt neu überdacht werden, denn seit Samstag gibt es den Fall Luca Kilian.
Der Innenverteidiger war zu Saisonbeginn auf Drängen von FC-Trainer Steffen Baumgart für die karge Leihgebühr von 250 000 Euro von Mainz nach Köln gewechselt. Viele sahen in ihm bestenfalls einen Ergänzungsspieler, und auch wenn er sich mit der Zeit durch solide Leistungen vermehrt in die erste Elf spielte (seit der Rückrunde fest gesetzt), sahen seine "Besitzer" keinen Fehler darin, den 22-Jährigen ohne Zusatzklauseln zum FC verliehen zu haben.
Am Samstag war zunächst just Kilian obendrein jener Kölner, der einen harmlosen Schuss von Jonathan Burkardt zum 1:0 für die Mainzer abfälschte (14. Minute). Spätestens nach dem 0:2 durch den umtriebigen Stürmer Karim Onisiwo (55.) sahen die Kölner so aus, als müssten sie ständig einen 85-Kilo-Mainzer wie Onisiwo huckepack über den Platz schleppen, so dicht waren ihnen die Rheinhessen auf den Fersen, obwohl sie das dritte Auswärtsspiel binnen sechs Tagen bestreiten mussten.
Müde wirkten zu diesem Zeitpunkt aber nur die Kölner, "man konnte sehen, dass die Jungs unruhig waren", gab Steffen Baumgart später zu, "guter Fußball sieht anders aus." Das war der Moment, in dem der Trainer sein Team reanimierte: mit einem Dreierwechsel in der 58. Minute; dieser fruchtete rasch: Schaub, Özcan und Ljubicic brauchten nicht mal eine Minute der Eingewöhnung; und nach den Toren von Skhiri (60.) und Ljubicic (78.) zum 2:2 folgte der Auftritt von Luca Kilian, der mal wieder belegte, dass der Fußball Sinn für kuriose Geschichten hat: In der 82. Minute fiel der Ball dem Verteidiger vor die Füße, der sich seinen ersten Bundesliga-Treffer genau für die richtige Partie aufgehoben hatte. Er kommt den Trainer teuer zu stehen. "Ich habe immer gesagt, wenn er mal ein Tor macht, lade ich die Mannschaft zum Essen ein", erklärte Baumgart und fügte vergnügt hinzu: "Glückwunsch, aber wie gesagt: Holzfuß ist Holzfuß."
Der "Holzfuß" schilderte die für ihn ungewohnten Empfindungen nach dem Treffer: "Ich wusste gar nicht, was ich machen sollte. Ich habe mich so gefreut. Ich bin einfach irgendwo hingelaufen und habe alles raus gelassen, was in mir war", sagte Kilian. "Das passte ja zum Spiel, aber so etwas macht auch den Fußball aus", sagte sogar der Mainzer Sportdirektor Martin Schmidt, der noch mehr positive Worte für den Vortrag des Gegners übrig hatte: Der von Baumgart initiierte Dreierwechsel habe richtig gut geklappt, "das hat das Match gedreht".
In der Tat hat der FC einen Kader, in dem die Spieler 12 bis 20 jederzeit gebracht werden können. Man habe schon mehr als einmal gezeigt, "dass wir Spiele über Wechsel gewinnen werden", betonte Baumgart: "Die Truppe besteht nicht nur aus elf Spielern, da gehören alle zu." Nur dass Spieler wie Luca Kilian nie für eine solche Helden-Geschichte vorgesehen waren.
Es wäre für die sportliche Entwicklung dieses Kölner Teams vermutlich zu früh, schon im Spätsommer international zu spielen. Aber man kann sich ja schlecht dagegen wehren, wenn man Spiele wie das gegen Mainz doch noch gewinnt.