Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit
Die Ursachenforschung beim 1. FC Köln geht nach dem 1:1 in Bochum weiter: Liegt die Krise eher am Trainer Baumgart oder am Sportchef Keller?

Die Last auf den Schultern der Kölner war allgegenwärtig, als sie am Samstagabend zurück in ihre Heimatstadt aufbrachen, wo sich der Karnevalsexzess zum Sessionsauftakt seinem Höhepunkt näherte. „Feiern ist anders“, presste Trainer Steffen Baumgart hervor, nachdem ihm jemand nach dem 1:1 beim VfL Bochum einen schönen Ausklang der Party gewünscht hatte. Zwar kündigte er nach diesem für die Kölner enttäuschenden Ergebnis auch an, erst mal ein Bier trinken zu wollen, bevor er sich auf den Weg zu dem Kühlschrank machte, der hinter der Theke im Presseraum stand. Aber wahrscheinlich brauchte er das Kaltgetränk zur Beruhigung der Nerven.
Sein Klub blieb zunächst Tabellenletzter (und wurde am Sonntag von Union abgelöst), und das fußballerische Niveau hatt e sich an diesem Abend eher zurückentwickelt. „Die Jungs hatten heute ganz klar mit dem Kopf zu tun“, sagte Baumgart, erst nach der Pause habe seine Mannschaft die richtige Haltung gefunden, „um im Abstiegskampf bestehen zu können“, damit sei am Ende immerhin ein „Teilerfolg“ gelungen. Davie Selke hat zum 1:1 getroffen (54.), nachdem Lukas Daschner Bochum in Führung gebracht hatte (25.).
Baumgart war bemüht, die kleinen Lichtblicke hervorzuheben, während Christian Keller, der Geschäftsführer Sport, strenger urteilte: „Bochum war für mich die klar bessere Mannschaft über 90 Minuten. Wir waren nicht in der Lage, dagegenzuhalten, weder gegen den Ball noch mit dem Ball.“ Solche voneinander abweichenden Einschätzungen kommen immer wieder vor in der Bundesliga, in diesem Fall warfen sie aber die Frage auf, ob sich Trainer und Sportchef voneinander entfremden. Im ZDF-Sportstudio wurde Keller direkt gefragt, ob der Trainer weiterhin die volle Rückendeckung der Verantwortlichen habe, und erwiderte: „Ich spüre eine sehr, sehr große Geschlossenheit im Innenverhältnis. Auf dieser Grundlage werden wir auch genügend Punkte holen. Wenn alle zusammenhalten und alle in die richtige Richtung laufen, dann lassen sich auch herausfordernde Situationen lösen.“
Krisen sollen ruhiger gemeistert werden
Hinter solchen Fragen nach der Rückendeckung für Baumgart steht die Suche nach den eigentlichen Ursachen für die unbefriedigende Situation: Hat Keller die falschen Spieler verpflichtet, insbesondere für die Offensive? Oder wirken Baumgarts Methoden nicht mehr so stark wie in seinen ersten beiden Jahren in Köln, als etliche Profis sich hervorragend entwickelten und damit trotz der großen Sparsamkeit auf dem Transfermarkt Erfolge möglich waren? Jetzt spielen die Neuzugänge bestenfalls solide, andere wie Kapitän Florian Kainz hängen in einem Formtief fest.
Aus einem in der vergangenen Woche an die Vereinsmitglieder verschickten Newsletter des Vorstandes, in dem ein klares, dauerhaftes Bekenntnis zu Baumgart fehlt, haben manche Beobachter herausgelesen, dass im Falle notwendiger personeller Konsequenzen eher der Trainer entlassen wird als der Sportchef. Der Automatismus, dass sportlich schwierige Phasen zwingend irgendwelche Trennungsmaßnahmen auslösen, hat sich tief eingebrannt in das Denken der Menschen, die mit diesem Klub verbunden sind. In dem Newsletter heißt es jedoch: „Wir sind als Vorstandsteam angetreten, um mehr Ruhe und Struktur, mehr langfristiges Denken in die Arbeit des FC einfließen zu lassen. Das gilt auch für den schnelllebigen sportlichen Bereich.“
Krisen sollen ruhiger gemeistert werden, was eine große Herausforderung darstellt in einem Klima der allgegenwärtigen Anspannung, das bei einem Tabellenletzten fast immer irgendwann entsteht. Wenn in dieser sportlich schwierigen Situation Konflikte aufflammen, wäre das kaum verwunderlich. Offen bleibt allerdings, wie sich diese Gemengelage weiter entwickelt. Das Bundesligawochenende nach der Länderspielpause eröffnet der FC am Freitagabend mit einem Duell gegen den FC Bayern, bevor dann Spiele in Darmstadt, gegen Mainz, in Freiburg, in Berlin und gegen Heidenheim folgen. Das ist ein Spielplan voller Gefahren, der aber auch die Chance birgt, dieses erste krisenhafte Saisondrittel zu überwinden. „Wir sind klar der Meinung, dass dieser Kader das Zeug hat, am Schluss auf einem Nichtabstiegsplatz zu stehen, und ich gehe schon auch davon aus, dass er das tun wird“, sagte Keller noch. Aber dazu wird noch ein großer Kraftakt nötig sein.