Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit
Beim 1. FC Köln wachsen die Abstiegssorgen und auch die Kritik – doch die Fans singen gegen die Skepsis an
Thomas Kessler hat anscheinend seinen Frieden gefunden mit dem Handicap, das den 1. FC Köln durch den Januar begleitete und die mittelfristige Zukunft des Fußball-Bundesligaklubs prägen wird. Er sei „sehr gespannt“, wie gut die Winterzugänge den Konkurrenten weiterhülfen, deren Namen in den vergangenen Tagen immer prominenter geworden seien, sagt der Leiter der Lizenzspielerabteilung des vom Abstieg bedrohten Traditionsvereins. Die Kölner dürfen sich aufgrund einer bis zum Januar 2025 geltenden Transfersperre nicht verstärken, doch obgleich die Konkurrenz plötzlich ungleich bedrohlicher wirkt, behauptet Kessler: „Da schmerzt nichts.“
Mainz 05 hat Nadiem Amiri von Bayer Leverkusen und Jessic Ngankam von Eintracht Frankfurt ausgeliehen. Union Berlin hat sich mit Kevin Voigt (TSG Hoffenheim) und dem 4,5 Millionen Euro teuren Yorge Vertessen von PSV Eindhoven verstärkt. Für Darmstadt 98 stürmen künftig Sebastian Polter (Schalke) und Gerrit Holtmann (Bochum) und so weiter, und so fort. „Natürlich verfolgen wir das“, berichtet Kessler vor dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt an diesem Samstagabend, im Winter sei es jedoch „sowieso nicht so einfach, neues Personal zu besorgen, das auf Anhieb weiterhilft“. Ob die Gelassenheit einfach nur der Versuch einer Selbsttröstung oder die Wahrheit ist, bleibt Kesslers Geheimnis, zumal sich die Kölner angeblich schon mit dem Stürmer Faris Moumbagna vom norwegischen Klub Bodø/Glimt auf einen Transfer geeinigt hatten, der nun stattdessen für acht Millionen Euro zu Olympique Marseille wechselte. Andere Menschen, die dem 1. FC Köln in irgendeiner Form verbunden sind, leiden in jedem Fall im Angesicht der prekären Situation, die einem Untergangsszenario gleicht.
Die Mannschaft schießt so wenige Tore wie kein anderer Bundesligaverein. Die gefährlichsten Angreifer, Luca Waldschmidt und Davie Selke, sind lange verletzt, der beliebte Trainer Steffen Baumgart wurde entlassen. Die Klubführung wirkt unsouverän, und Timo Schultz, der neue Coach, ergreift Maßnahmen, um sich vor der Wucht der schlechten Stimmung zu schützen. „Da ich sehr, sehr wenig lese, auch keine sozialen Medien habe, nimmt das auf mich keinen Einfluss“, sagt Schultz, mit dem die Kölner immerhin zwei Punkte in drei Spielen gesammelt haben. „Die Leute sollen ihre Kolumnen schreiben und ihre Expertise rauslassen, aber das ist nichts, was uns hier weiterhilft.“ Störend sind die Nebengeräusche aber schon, denn die Kritiker sind laut und prominent, und sie führen Argumente an, die auch an den Theken der Stadt diskutiert werden. Der frühere und immer noch hochverehrte ehemalige Trainer Christoph Daum behauptet zum Beispiel in einer Kolumne im Magazin „11Freunde“, dass die Klubführung Baumgart „im Stich gelassen“ habe. Insider sehen das zwar anders, es war wohl eher so, dass Baumgart den Glauben an sein Team verlor und nicht mehr davon überzeugt war, dass seine Methoden im Alltag mit seinen Spielern wirken. Mit einem derart zweifelnden Trainer weiterzuarbeiten, wäre verantwortungslos gewesen. Aber Daums Worte wirken, wenn er über Schultz sagt: „Ich habe Bedenken, dass er es besser hinkriegt als Steffen.“
Und er ist nicht der einzige Skeptiker: Pierre Littbarski, ein Kultspieler aus den 1980er- und 1990er-Jahren, berichtet im „Stadtanzeiger“, dass ihn eine „gewisse Traurigkeit“ erfasst habe. Es gebe „keinen echten Antreiber, keine Führungspersönlichkeiten auf dem Platz. Ich denke, die Verantwortlichen haben das unterschätzt.“ Am aggressivsten ist jedoch der frühere Profi Dieter Prestin, der in der Mannschaft spielte, die 1978 Meister wurde und den DFB-Pokal gewann: „In der Chefetage mangelt es absolut an Fußballkompetenz – sowohl im Vorstand als auch bei den Beratern“, verkündet Prestin in der Münchner „tz“. Zudem wirft er den Verantwortlichen „Arroganz“ vor und vertritt die These, dass in der freien Wirtschaft längst andere Maßnahmen ergriffen worden wären: „Hier sind die Schuldigen – und weg damit. Aber so etwas gibt es in Köln nicht.“
Dass ist viel Stoff für dicke Schlagzeilen, die auch Auswirkungen auf die Mannschaft haben können. Wenn sich unter den Spielern der Eindruck verfestigt, dass sie für einen Klub spielen, dessen Leitung zu viele Fehler macht, drohen Schäden am ohnehin geschwächten Selbstvertrauen. Selbst Schultz scheint nicht so richtig daran zu glauben, dass seine viel zu harmlose Mannschaft deutlich gefährlicher werden kann. Auf die Frage nach Konzepten für erfolgreichere Torabschlüsse erwidert der als „Offensivtrainer“ vorgestellte Ostfriese, dass man das Problem auch anders bekämpfen könne: Er wolle „häufiger zu null spielen“, denn das „erhöht die Wahrscheinlichkeit signifikant, dass wir drei Punkte holen“.
In Köln wird ein klassischer Abstiegskampf geführt, mit einem erstaunlichen Unterschied zu vielen anderen Geschichten über große Klubs in den Tiefen der Tabelle: Die Fans supporten, statt die Skepsis der Kritiker zu verstärken. Er sei sehr froh, dass „diese Untergangsstimmung, die berichtet wird, bei den Fans definitiv nicht da ist, sondern eher ein Schulterschluss zwischen Fans, Verein und Mannschaft“, sagt Schultz. Das ist zumindest ein kleiner Trost.