Sehnsucht nach Düsseldorf

13. Mai 2024

Beitrag in der SZ von Philipp Selldorf

„Eigentlich waren wir tot": Der 1. FC Köln hat nach dem 3:2-Drama gegen Union noch die Chance auf die Relegation – ausgerechnet gegen den ärgsten Rivalen. Auch die Berliner müssen heftig bangen.

Köln – Wenn im Kölner Karneval ein Büttenredner sicheren Applaus sucht, dann macht er einen Witz über Düsseldorf. Oft genügt ein Kalauer über die obergärigen Biere, die in den Städten gebraut werden, nicht selten geht es aber auch makaber und derb zu. Die Rivalität zwischen den beiden Gemeinden hat einen realen Kern und sitzt tief im Erbgut der jeweiligen Staatsbürger. Die Düsseldorfer mögen sich dabei zwar viel auf das gepflegte Erscheinungsbild ihrer Stadt und auf den Rang als Landeskapitale einbilden, die Kölner tangiert das in ihrer Herablassung aber wenig.

So veröffentlichte 2005 der Kölner Emons Verlag mal ein Buch mit dem Titel „Alles, was man über Düsseldorf wissen muss" – es hatte lauter leere Seiten. Und wahr ist auch, dass auf Kölner Straßen nahezu keine Wegweiser nach Düsseldorf vorkommen. Als das Rathaus mal eine offizielle Anfrage nach der Anzahl der Schilder beantworten sollte, bekannte das Straßenverkehrsamt schuldbewusst: „Wir können nicht ausschließen, dass es noch Restschilder aus den Dreißigerjahren gibt."

Seit diesem Wochenende ist Düsseldorf jedoch auf einmal das ideelle Sehnsuchtsziel fast aller Kölner. Viele von ihnen würden nichts lieber tun, als am Montag, den 27. Mai, an einer Prozession in die stromaufwärts gelegene Nachbarkommune teilzunehmen. Der Polizei an beiden Orten graust es wahrscheinlich schon davor.

Aber bevor es wirklich passiert, dass sich Fortuna Düsseldorf und der 1. FC Köln im Relegationsrückspiel begegnen und den Ausnahmezustand herstellen (so wie es früher war, als die Derbys unter dem Begriff „Nacht der langen Messer" firmierten), müssen noch wunderliche Sachen passieren. Während die Fortuna als Tabellendritter der zweiten Liga ihren Platz in der Qualifikationsrunde bereits sicher hat, muss Köln am finalen Spieltag noch ein Ding der Unmöglichkeit realisieren, um vom 17. auf den 16. Rang zu springen.

Unmöglich erscheint den Kölnern seit dem 3:2-Erfolg gegen Union Berlin am Samstagnachmittag allerdings nichts mehr. „Eigentlich waren wir weg, tot. Und auf einmal lebst du wieder." So fasste der FC-Verteidiger Dominique Heintz die Geschehnisse in den Schlussminuten des Spiels gegen Union Berlin zusammen.

Er drückte damit das Empfinden der ganzen Stadt aus. Im Grunde hatte seine Mannschaft den Abstiegskampf schon nach 19 Minuten verloren, es stand 0:2 nach Robin Knoches Kopfballtor und Kevin Vollands Elfmeter. Drei Tore mussten die notorisch sturmschwachen Kölner schießen, um den benötigten Sieg zu schaffen, das war ihnen in der Saison exakt zweimal gelungen (beide Male gegen Mönchengladbach, den anderen Lieblingsfeind). Die Tore zur Auferstehung fielen, als die meisten Familienmitglieder in Gedanken schon das Requiem angestimmt hatten: in der 88. Minute durch Steffen Tigges, in der dritten Minute der Nachspielzeit durch den 18-jährigen Damion Downs.

Die Folge: Haltlose Ekstase im Stadion sowie, wie es der Sportinformationsdienst formulierte, „Szenen wie bei einer Meisterfeier". Der Präsident Werner Wolf, 67, gab ein Radiointerview, bei dem er kurz vor den Tränen war. Das könne nun „einer der kuriosesten Klassenerhalte seit langer Zeit werden, befand FC-Trainer Timo Schultz. Erst mal erklärte sich der Coach „froh, dass das Dach noch drauf ist" – und nicht durch den Lärm der Torschreie von den Stadionmauern gerissen wurde.

Nüchtern besehen, ist die sportliche Lage der Kölner weiterhin nicht munter, sondern extrem kritisch. Um es nicht mit dem Daueroptimisten Timo Schultz, sondern mit den Geheimpolizisten Schultze und Schulze zu sagen: sogar äußerst kritisch. Der FC - am kommenden Samstag beim 1. FC Heidenheim zu Gast – muss drei Punkte und vier Tore auf Union Berlin aufholen, das seinerseits Freiburg empfängt.

Den Kölnern fehlen die gelbgesperrten Stammspieler Benno Schmitz und Denis Huseinbasic sowie wegen Verletzungen wahrscheinlich weiteres Stammpersonal (Finkgräfe, Waldschmidt). „Der Fußballgott hat noch einen Strohhalm für uns ge-habt", ordnete Heintz die Mini-Chance ein, trotzdem herrschte erst mal ungeheure Eu-phorie. Es sei „kaum zu beschreiben, wie geil sich das anfühlt", sagte Torwart Marvin Schwäbe. Eine Woche weiterhoffen zu dürfen - für ganz Köln ist das wie ein geschenktes Leben.

Die Berliner dagegen erfuhren am Samstag den nächsten Tiefpunkt eines Jahres voller biblisch anmutender Prüfungen. Euphorisch als Champions-League-Klub gestartet, im Herbst verlassen vom väterlichen Trainer Urs Fischer, vorübergehend saniert, nun wieder auf den Relegations-platz gerutscht und vom direkten Abstieg bedroht. Kapitän Christopher Trimmel trug in der Sportschau bereits einen Abgesang vor: „Wir haben uns als Mannschaft nicht wirklich gefunden, es hat immer wieder Probleme gegeben."

Ob Unions hektischer Trainerwechsel sinnvoll war, muss sich zeigen

Ob der hektische Trainerwechsel zu Wochenbeginn sinnvoll war, muss sich im letzten Spiel weisen. Am Samstag wussten die Unioner ihre eklatanten Vorteile nicht zu nutzen, sie verfielen nach der frühen Führung in Passivität und beschränkten sich nach Florian Kainz Anschlusstor auf ängstliche Besitzstandswahrung. Zum Schluss verloren sie auch noch die defensive Ordnung, beim Siegtreffer hatten Vorbereiter Linton Maina und Schütze Downs mehr Platz, als sie brauchten.

Möglich, dass der späte Sieg den schmerzlichen Abschied für die Kölner nur hinausgezögert hat. Für den allgemein kritisch bewerteten Klubvorstand und den im Publikum ebenso wenig populären Sportchef Christian Keller hatte er aber unmittelbar großen Nutzen. Nach dem frühen 0:2 drohte die Partie zum Debakel zu geraten. Wie hätten die Fans wohl reagiert? Nun lebt die Legende vom Zusammenhalt in schwierigen Zeiten wieder, mehr denn je.