Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit
Der Sieg gegen Union nährt die Hoffnung in Köln. Die Lage scheint aussichtslos, doch der Glaube ist so groß wie seit Wochen nicht mehr.
Irgendwann am Samstagabend, der Wahnsinn war halbwegs verarbeitet, und der Blick auf die Tabelle bot trotz des vollkommen verrückten 3:2-Sieges gegen Union Berlin immer noch keinen Grund zur Euphorie, da kramte der Kölner Trainer Timo Schultz eine uralte Phrase aus der Mottenkiste. „Am Ende gewinnt immer der Jäger", habe ein früherer Manager einmal gesagt.
Schultz meinte den ehemaligen Dortmunder Funktionär Michael Meier, der mit dieser Aussage im Jahr 2002 recht behielt, als der BVB Bayer Leverkusen im Saisonfinale noch die Meisterschaft entriss. Der donnernde Höhepunkt des zuvor absolvierten Bundesligaduells des Effzeh gegen den letzten verbliebenen direkten Konkurrenten im Abstiegskampf hatte eine Hoffnung genährt, die sich sehr kraftvoll anfühlte in diesem Moment.
Mit 0:2 hatten die Kölner gegen den 1. FC Union zurückgelegen, sie hätten auch als Absteiger festgestanden, wenn Schiedsrichter Deniz Aytekin die Partie nach 92 Minuten abgepfiffen hätte, da stand es 2:2. Union hätte zumindest den Relegationsplatz sicher gehabt. Doch die Berliner entschlossen sich in jener 93. Minute zu einem nicht nur riskanten, sondern auch ziemlich unüberlegten eigenen Angriff, weshalb sie bei der Gegenaktion derart schlecht positioniert waren, dass Damion Downs einen Siegtreffer köpfen konnte, der die Menschen in Ekstase versetzte. Der Teenager verschaffte einer ganzen Stadt einen unvergesslichen Moment der Freude und eine gigantische Portion neuer Hoffnung. „Ich habe gedacht, das Stadion fliegt auseinander", sagte Dominique Heintz, „eigentlich waren wir weg, tot. Und auf einmal lebst du wieder."
Bis zur 87. Minute hatten die Berliner sogar mit 2:1 geführt, die Düsternis des siebten Kölner Abstiegs aus der Bundesliga lag über dem Stadion. Viele hätten geweint, manche wären wohl zornig oder sogar aggressiv geworden, bevor Steffen Tigges zum Ausgleich traf und Downs die Kölner Fußballwelt veränderte. Zumindest für eine Woche. Schultz schwärmte von dem „unfassbaren Charakter", seiner Mannschaft, deren Spiel zwar wie fast immer in dieser Saison „fußballerisch überschaubar" gewesen sei, die dafür aber einen wahrlich beeindruckenden Überlebenswillen hat.
In der wilden Euphorie, die nach dem Siegtreffer ausbrach, war es dann auch erstmal egal, dass die Tabelle weiterhin sehr bedrohlich aussieht. Der FC braucht am kommenden Wochenende einen Sieg beim 1. FC Heidenheim, der noch um die Teilnahme an einem Europapokal spielt.
Nachdem dann am Abend Mainz gegen Dortmund gewonnen hatte, war auch klar, dass Union zugleich gegen Freiburg verlieren muss, am besten hoch, weil der FC nicht nur drei Punkte gegenüber Berlin aufholen, sondern auch noch das um drei Treffer schlechtere Torverhältnis entsprechend verändern muss.
Es ist kurios: Die Lage bleibt fast aussichtslos, zumal mehrere Ausfälle drohen. Max Finkgräfe hielt zwar bis zum Schluss durch, konnte aufgrund einer Blessur am Fuß aber nicht mehr ohne Hilfe in die Kabine laufen, Luca Waldschmidt war schon nach 20 Minuten verletzt ausgewechselt worden, und Denis Huseinbasic ist genau wie Benno Schmitz nach der fünften Gelben Karte gesperrt. Aber der Glaube ist so groß wie seit Wochen nicht mehr.
Er sei „stolz" auf diese Mannschaft, berichtete Schultz, und Sport-Geschäftsführer Christian Keller sagte, man sehe, „dass jeder gewillt ist, wieder aufzustehen, und jeder dran glaubt, dass es immer noch möglich ist, egal wie es läuft, egal wie viele Rückschläge kommen." Zumal sogar in der großen Problemzone der Kölner zarte Aufschwungssymptome zu erkennen waren: Uber weite Strecken der Partie waren die Angreiter Faride Alidou, Sargis Adamyan sowie Waldschmidt wieder einmal hilf- und harmlos gewesen, wenn sie sich dem Berliner Tor näherten. Die Einwechslungen von Downs, Tigges und Mark Uth hatten den Angriff jedoch wirklich stärker gemacht.
Downs und Tigges trafen, nachdem Florian Kainz durch einen umstrittenen Foulelfmeter bereits vor der Pause das 1:2 gelungen war. Und Uth, der lange verletzt und dann an einem Infekt erkrankt war, verlieh der schwächsten Offensive der Bundesliga so etwas wie Struktur. „Alleine seine Anwesenheit in der Kabine tut uns schon gut", sagte Schultz über den „Unterschiedsspieler", der womöglich in Heidenheim langer spielen kann als nur eine halbe Stunde wie am Samstag. ,Wir müssen einen kühlen Kopf bewahren", sagte der Verteidiger Heintz noch im Hinblick auf den letzten Spieltag, an dem es auch um das mentale Befinden der Berliner gehen wird, die mit einem Schock in den Knochen zurück in die Hauptstadt reisten.
„Die Stabilität war leider nicht über die 96 Minuten da, das ist sicherlich die Wahrheit", sagte Interimstrainer Marco Grote, der die Mannschaft vor einer Woche von dem beurlaubten Nenad Bjelica übernommen hatte. Jetzt sei „die Situation etwas unbequemer, Tatsächlich droht dem
schwieriger". Champions-League-Teilnehmer der direkte Abstieg, wenn das Duell gegen Freiburg verlorengeht, wo Christian Streich in seinem letzten Spiel als Trainer nicht nur unbedingt gewinnen, sondern auch die Qualifikation für einen Europapokal schaffen möchte. Die Tabelle spricht dennoch für Union, dafür haben die Jäger aus Köln nach diesem wilden Ritt an der Kante zum Abgrund die günstigeren emotionalen Voraussetzungen.