Beitrag auf faz.net von Daniel Theweleit
Max Finkgräfe weckt beim 1. FC Köln Erinnerungen an den unvergessenen Jonas Hector. Der Linksverteidiger spielt sich derzeit in den Vordergrund und soll auch im Derby gegen Mönchengladbach „Spaß“ machen.

Wenn Fußballderbys bevorstehen, rücken oft merkwürdige Details in den Vordergrund, zum Beispiel der Geburtsort eines Spielers. So verbreitet eine große Zeitung vor der Partie von Borussia Mönchengladbach gegen den 1. FC Köln an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) eine grelle Sensationsmeldung: „Der einzige Gladbacher spielt in Köln!“
In der Parallelwelt der Derby-Fundamentalisten klingt dieser Befund womöglich wie ein Skandal. Zumal der gebürtige Mönchengladbacher Max Finkgräfe nicht irgendein Kölner Spieler ist: Der 19 Jahre alte Linksverteidiger ist gerade dabei, in die Rolle als Liebling der Massen in Köln hineinzuwachsen. Im Moment gilt er als aussichtsreicher Nachfolger des unvergessenen Jonas Hector. „Der Junge macht Spaß“, sagt Trainer Timo Schultz über Finkgräfe, der zwei Jahre lang in der Akademie der Borussia spielte, dort aber in der U 17 aussortiert wurde.
Jetzt ist er Kölner und bekleidet nicht nur die selbe Position wie Hector, der sich im vergangenen Sommer zur Ruhe setzte, er hat auch noch vergleichbare Fähigkeiten. Hectors besondere Kunst bestand darin, von hinten links strategische Impulse zu geben, er war eine Art Spielmacher, rannte nicht stumpf die Linie hoch und runter, sondern zog immer wieder ins Zentrum. Ähnliche Aktionen prägen das Spiel von Finkgräfe, der in der Hinrunde unter Steffen Baumgart kaum zum Einsatz kam. Jetzt gilt er als Gewinner des Trainerwechsels zu Schultz.
Und weil Linksverteidiger mit solchen Fähigkeiten selten sind, hat TV-Experte Lothar Matthäus bereits vorgeschlagen, den Teenager zum Nationalspieler zu machen. Das klingt einerseits voreilig, denn nach gerade einmal 15 Bundesligapartien ist Finkgräfe noch dabei, die Phase der ersten Begeisterung zu beenden, um endgültig im Profialltag anzukommen. „Man sollte immer schön den Ball flach halten, mal gucken was noch kommt“, sagt er selbst.
Andererseits gibt es im Nationalteam keinen wirklich überzeugenden Linksverteidiger, und Finkgräfe hat in der Kölner Mannschaft viel zu einer Entwicklung beigetragen, die auch in der DFB-Elf herbeigesehnt wird: Mit seiner unbeschwerten und selbstbewussten Art konnte er dabei helfen, die bleierne Schwere des Herbstes zu vertreiben. „Max ist ein sehr aufgeräumter Typ, der mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben wird“, sagt Schultz.

Dass Finkgräfe noch vor der EM eine Rolle im Team von Bundestrainer Julian Nagelsmann spielen wird, ist unwahrscheinlich, eher wird er in der kommenden Woche von Nachwuchstrainer Antonio di Salvo in die U-21-Auswahl eingeladen. Die Deutsche Fußball Liga hat Finkgräfe überdies zur Wahl zum „Bundesliga-Rookie des Monats“ nominiert, nachdem er im Februar mehr Spielzeit hatte als jeder andere Kölner Feldspieler und beim 1:1 in Hoffenheim sein erstes Bundesligator geschossen hat – per Freistoß. Denn Finkgräfe ist nicht nur einsatzfreudig, mutig und spielerisch stark, er hat auch noch einen torgefährlichen linken Fuß.
Kein Wunder, dass mancher Anhänger der Gladbacher mit Argwohn auf dieses Talent schaut. Roland Virkus, der Sportchef der Borussia, musste sich bereits fragen lassen, warum dieser Spieler als Kind der Stadt nicht für die Borussia, sondern für den Erzrivalen spielt. „Natürlich waren wir von ihm überzeugt und haben ihm zugetraut, dass er es auch bei uns bis nach oben schafft“, erläutert Virkus gegenüber der „Bild“. „Aber er hatte in seiner Zeit in Gladbach viel Pech mit Verletzungen, viele Kleinigkeiten, die ihn ausgebremst haben. Dann kam auch noch Corona.“
Im Borussia-Park verloren sie den Glauben an Finkgräfe, der 2020 zur U 17 der SG Unterrath wechselte, wo er auf Kunstrasen spielen musste, statt in der Komfortzone eines Nachwuchsleistungszentrums. Hier kickte er gemeinsam mit Tony Reitz, dem jüngeren Bruder des Mönchengladbachers Rocco Reitz, bevor er 2021 zur U 19 der Kölner kam. Enge Verbindungen bestehen also zu beiden Klubs, das wird Finkgräfe beschäftigen rund um dieses Derby.