Ein oscarreifes Actionspektakel

10. März 2024

Beitrag auf sueddeutsche.de von Ulrich Hartmann

Das spektakuläre 3:3 gegen den 1. FC Köln unterhält die Zuschauer, frustriert aber Gladbachs Trainer Gerardo Seoane. Für die Bewertung seiner ersten Saison wird das Weiterkommen im Pokal entscheidend sein.

Mit mauen Unentschieden ganz am Ende einer Geschichte wären die erfolgreichsten Filme der Welt keine Kassenschlager geworden. Man stelle sich bloß vor, die Titanic wäre mit einem Lackschaden weitergefahren, der Todesstern nicht explodiert und der weiße Hai mit vollem Magen einfach so davongeschwommen. So aber funktioniert das große und emotional erfüllende Entertainment nun mal nicht. Außer bisweilen beim Fußball.

Borussia Mönchengladbach und der 1. FC Köln haben sich am Samstag ein oscarreifes 90-minütiges Actionspektakel geliefert. Die Führung ging hin und her. Der Kölner Faride Alidou hat seinen ersten Bundesliga-Doppelpack geschnürt, sein 19 Jahre alter Teamkollege Damion Downs hat im Showdown seinen ersten Bundesliga-Treffer erzielt und damit gleichzeitig Kölns erstes Joker-Tor der Saison. Der Gladbacher Robin Hack, in der 70. Minute eingewechselt, hat mit zwei Joker-Toren binnen 184 Sekunden einen Bundesliga-Rekord aufgestellt, und weil er dadurch in der 73. Minute das Spiel gedreht und seine Gladbacher 3:2 in Führung gebracht hatte, war es der berauschendste Moment seiner bisherigen Karriere. Das Spiel allerdings endete - für beide Seiten letztlich nicht ganz unverdient - 3:3. Unentschieden! Hack schimpfte: "Das kotzt mich an!"

Der allgemeine Unterhaltungsfaktor war enorm gewesen, der Einfluss des Resultats auf die tabellarische Situation beider Klubs hingegen ist minimal. Köln bleibt in akuter Abstiegsgefahr. "Wir wollen mindestens diesen Platz halten", sagte der Trainer Timo Schultz über jenen 16. Rang, der am Saisonende zwei Relegationsspiele gegen den Drittplatzierten der zweiten Liga bedeuten würde. Die Gladbacher hätten ihren Vorsprung auf die Kölner und damit auf die Abstiegszone mit einem Sieg auf zwölf Punkte ausbauen können, jetzt bleibt er bei neun. Gegen den rheinischen Rivalen, gegen den die Borussen in 98 Bundesliga-Spielen 52 Mal gewonnen haben und damit so oft wie gegen keinen anderen Verein, mussten sie sich mit dem 500. Remis ihrer Bundesliga-Geschichte begnügen. So oft wie Gladbach hat in der 61-jährigen Liga-Historie kein anderer Verein unentschieden gespielt.

"Der mentale Aspekt ist im Sport einer der wichtigsten", erklärt Seoane nach dem Unentschieden
Das sportliche Spektakel hatte am Vorabend ein unschönes Vorspiel erlebt. Bei einer Konfrontation beider Fanlager am Gladbacher Borussia-Park wurden drei Polizisten verletzt sowie 131 Kölner und 74 Mönchengladbacher Problemfans in Gewahrsam genommen. Polizeikräfte in dreistelliger Zahl kamen zum Einsatz. Über Nacht und mindestens bis zum Ende des Spiels am Samstag wurden die Anhänger in verschiedenen Behörden in Nordrhein-Westfalen untergebracht. Zugleich liefen strafrechtliche Ermittlungen. "Diese Verrückten kriegen von uns keine Sonderbehandlung", sagte NRW-Innenminister Herbert Reul, "wer sich nicht benehmen kann, kriegt Ärger." Am Samstag blieb es ruhig. Der schiedliche Ausgang des Spiels half womöglich dabei.

"Insgesamt enttäuscht", war der Gladbacher Trainer Gerardo Seoane, der angesichts der Anfälligkeit seiner Mannschaft für fahrlässige Spielphasen wie üblich einen längerfristigen Umbau-Prozess im Kader anführte. Keine nachvollziehbaren Gründe fand er für den blamablen Umstand, dass seine Borussen von den sechs Spielen gegen die drei abgeschlagen schlechtesten Mannschaften der Liga (Köln, Mainz, Darmstadt) kein einziges gewinnen konnten. Fünf Unentschieden und eine 1:3-Niederlage im Hinspiel in Köln bedeuten in dieser Spezialtabelle fünf von 18 möglichen Punkten. Wären vielleicht nur zwei dieser sechs Spiele gewonnen worden, stünde Gladbach deutlich näher an jenem achten Platz, der am Saisonende unter Umständen sogar für die Teilnahme an der Conference League reichen könnte. Die fahrlässigen Punktverluste gegen die Abstiegskandidaten haben mithin sehr konkrete Konsequenzen für den Verein.

"Der mentale Aspekt ist im Sport einer der wichtigsten", sagte Seoane am Samstag, "vielleicht hat die Mannschaft in Spielen, in denen sie sich in der Favoritenrolle fühlte, den Druck ein bisschen verspürt - aber das ist nur menschlich und es ist eine noch junge Mannschaft." Diese Worte lassen aufhorchen vor dem DFB-Pokal-Viertelfinale am Dienstag beim Drittligisten 1. FC Saarbrücken (20.30 Uhr, ZDF). Der erste Versuch dieser Partie war Anfang Februar wegen der Unbespielbarkeit des Platzes in Saarbrücken kurz vor dem Anpfiff abgesagt worden. Nun reisen die Gladbacher ein zweites Mal ins Saarland und wissen mittlerweile, dass sie im Fall eines Sieges am 2. April beim Zweitligisten Kaiserslautern das Halbfinale spielen dürften und also die historisch anmutende Chance besitzen, die Borussia erstmals seit 1995 wieder ins Pokal-Endspiel zu bringen.

Das erhöht den Druck vor dem Spiel in Saarbrücken umso mehr. "Wir müssen es schaffen, trotz Drucks immer die bestmögliche Leistung abzurufen", forderte Seoane. Das Pokalspiel in Saarbrücken und gegebenenfalls das Halbfinale in Kaiserslautern werden massiven Einfluss auf die letztliche Beurteilung seiner ersten Saison in Mönchengladbach haben. Insofern geht es jetzt ans Eingemachte.