Köln will wie Freiburg sein

06. Mai 2024

Beitrag in der FAZ von Daniel Theweleit

Die Verantwortlichen des 1. FC Köln wollen den „Teufelskreis opportunistischer Maßnahmen“ durchbrechen und auch im Abstiegsfall auf bisheriges Personal setzen.

Ein diffuses Gefühl der Ungewissheit lag über dem Müngersdorfer Stadion, als ein letzter ziemlich kläglicher Schussversuch den Ball weit am Freiburger Tor vorbeiflattern ließ und der Schiedsrichter das Spiel abpfiff. Rheinische Optimisten konnten sich nach dem 0:0 des 1. FC Köln gegen den Sportclub immer noch Szenarien zurechtphantasieren, in denen ihr Klub auch im kommenden Jahr in der Bundesliga spielen darf, aber das war nur ein Aspekt der „eigenartigen Stimmung“, die Kapitän Florian Kainz nach der Partie wahrgenommen hatte.

Spieler, Trainer, Verantwortliche, Zuschauer – niemand wusste so recht, was passieren würde. Es gab Anlass zur Befürchtung, dass Zorn und Trauer irgendwann in Aggression umschlagen würden, nachdem nicht nur auf dem Rasen, sondern auch in der medialen Öffentlichkeit beachtenswerte Vorgänge stattgefunden hatten.

Eine Boulevardzeitschrift hatte das Publikum aufgewiegelt und offen dazu aufgerufen, nach dem Spiel „wie im antiken Rom“ aus der Emotion heraus zu entscheiden, ob die Verantwortlichen für die prekäre Situation zur Rechenschaft gezogen werden sollen oder nicht. Wer weiß, dass Beteiligte nach früheren Kölner Abstiegen tätlich angegriffen wurden, konnte das Schlimmste fürchten.

Zugleich hatte Präsident Werner Wolf in einem von vielen Kommentatoren als verstörend wahrgenommenen Interview bekräftigt, dass auch im Abstiegsfall sowohl die drei Geschäftsführer als auch das dreiköpfige Präsidium weitermachen würden: „Wir werden den Rufen nach Rücktritten und Entlassungen nicht nachgeben“, verkündete Wolf: „Das wäre ein Rückfall in die Mechanismen, die seit ganz vielen Jahren verhindern, dass der FC nachhaltig wächst.“
Als die Partie dann abgepfiffen war, brach kein Zorn aus. Es wurde nur ganz still. Vielleicht hatte die in diesem Moment weiterhin vorhandene Chance auf den Klassenverbleib die Leute ein wenig besänftigt. Vielleicht sind große Teile des Publikums aber nach sechs Abstiegen zwischen 1998 und 2018 so gereift, dass sie den einfachen Lösungsvorschlägen der lautesten Schreihälse nicht mehr folgen wollen.

Klassische Denkmuster haben keinen Platz

Streitbar bleibt, ob das Interview von Präsident Wolf zu einem ungünstigen Zeitpunkt veröffentlicht wurde, weil es womöglich die Konzentration auf das wichtige Spiel störte. „Es ist beim FC so üblich, dass immer wieder was von außen kommt“, sagte Kainz, der aber auch erklärte: „Das hat uns als Mannschaft nicht tangiert.“

Sport-Geschäftsführer Christian Keller erläuterte am Abend, dass der Hauptzweck des Interviews ohnehin darin bestanden habe, Gewissheit bei den vielen Angestellten zu schaffen, die auf völlig unterschiedlichen Ebenen an der Zukunft des FC werkeln: „Es geht nicht um einzelne Köpfe, es geht um Klarheit für alle Mitarbeiter.“ Denn sowohl hinter dem Zusammenbruch auf dem Rasen als auch hinter dem Vorsatz, mit derselben Vereinsführung weitermachen zu wollen, steckt die gleiche Idee.

Die Kölner wollen werden wie der SC Freiburg: ein gesunder, mit Vernunft und Fachkompetenz geführter Klub, der sich auch in schlechteren Jahren treu bleibt. Und der kein Geld in den Kader steckt, das nicht vorhanden ist. Die klassischen Denkmuster des Fußballbetriebs, denen zufolge im Misserfolgsfall Rücktritte und Entlassungen fällig sind, haben da keinen Platz, zumal bekannt ist, dass dieser Bestrafungsmechanismus selten zum Ziel führt. Klüger erscheint es, die Personalentscheidungen vor dem Hintergrund einer anderen Frage abzuwägen: Wer kann den Klub am besten zu einer erfolgreichen Zukunft verhelfen?
Wolf argumentierte, dass zwar Fehler bei der Kaderplanung passiert seien, „aber vor allem die Fortschritte in nahezu allen anderen Bereichen des FC (…) überzeugen uns, an der Zusammenarbeit festzuhalten“. Da kaum Mittel vorhanden waren und keine Geldquellen jenseits des eigentlichen Betriebs an­gezapft werden sollen, trägt nicht nur die Sportliche Leitung die Verantwortung für die Schwächen des Teams, sondern die gesamte Klubführung.

Kostengünstig, weil verletzungsanfällig

Allerdings bleibt eine bittere Wahrheit: Der sowohl von Präsidium als auch von der Geschäftsführung unterstützte Kurs zur wirtschaftlichen Sanierung des Klubs hat besonders an jener Stelle Schäden angerichtet, wo Geldeinsatz besonders wichtig ist: im Sturm. Mit Luca Waldschmidt, Mark Uth sowie Davie Selke spielen nur bundesligataugliche Angreifer beim FC, die äußerst verletzungsanfällig und daher eben auch kostengünstig sind. Stürmer wie Steffen Tigges, Sargis Adamyan oder Faride Alidou hingegen demonstrierten mit ihren Leistungen gegen Freiburg beispielhaft, warum der FC in 32 Bundesligaspielen nur 24 Tore geschossen hat; es mangelt schlicht an Qualität.

Zu einem ernsthaften Problem wurde das Problem aber erst, als der internationale Fußballverband FIFA aufgrund von Unregelmäßigkeiten bei der Verpflichtung eines Jugendspielers eine Transfersperre aussprach. Mehrmals nahmen die Verantwortlichen die Chance nicht wahr, diese Strafe durch eine außer­gerichtliche Einigung abzuwenden, so­dass der schwache Kader im vergan­genen Winter nicht verstärkt werden konnte. Nicht einmal im Sommer dürfen neue Spieler kommen, weshalb Skeptiker sogar einen Abstieg bis in die dritte Liga für möglich halten.

Es ist eine katastrophale Situation, von der aber niemand sagen kann, unter was für einer Führung sie am besten zu bewältigen ist. „Wir wollen den Teufelskreis opportunistischer Maßnahmen der vergangenen rund 35 Jahre durchbrechen“, sagte Präsident Wolf, daher werde es keine personellen Konsequenzen geben. So wie es die Freiburger machen, obgleich es schon sein kann, dass dort kompetentere Leute am Werk sind. Ob die Kölner Opposition um den ehemaligen Spieler Dieter Prestin, der in der Öffentlichkeit wütet, eine klügere Klubführung aufstellen würde, ist aber fraglich.