Märchenplan statt Matchplan

26. April 2024

Beitrag in der SZ von Philipp Selldorf

Fehleinschätzungen, Fahrlässigkeit, Überheblichkeit: Dem 1. FC Köln droht mangels guter Führung ein Abstieg, der wegen der Transfersperre beispiellose Folgen haben könnte.
Skeptiker befürchten, in Kürze nicht mal mehr zu den Top Ten der zweiten Liga zu gehören.

Der 9. Dezember 2021 war ein großer Tag für den FC Bayern München. Sämtliche Vertreter der Klubführung traten vor die Medien, um das Projekt „FC Bayern Ahead" vorzustellen, an dem interne und externe Fachkräfte monatelang gearbeitet hatten. Oliver Kahn, damals der Vorstandsvorsitzende und Urheber des Strategiekonzepts, nannte es einen „Milestone".

Nicht weniger visionär wähnte sich der Vorstand des 1. FC Köln, als er ein halbes Jahr zuvor dem Publikum sein Zehn-Punkte-Programm namens „Matchplan" erläutert hatte. Das Ziel: binnen sieben Jahren den Kaderwert der Profimannschaft zu verdoppeln und bei stabilen Bilanzen den Klub unter den Top Ten der Bundesliga zu etablieren. Einwände von Skeptikern, dass ein Siebenjahresplan im Profifußball womöglich noch illusorischer sein könnte, als es die Fünfjahrespläne in der sozialistischen Planwirtschaft jemals waren, wurden von den euphorisch überzeugten Kluboberen zurückgewiesen.

„Scheißegal-Stimmung" soll beim Endspiel am Sonntag in Mainz helfen

Um zu erfahren, was inzwischen aus dem Projekt „FC Bayern Ahead" geworden ist, müsste man wohl Archäologen beauftragen, damit sie nach den verblichenen Überresten forschen. Und auch das Präsidium des 1. FC Köln möchte im Moment lieber nicht an seinem Matchplan gemessen werden, der längst einem Märchenplan gleicht. Die Kaderentwicklung wurde seit 2021 durch Verkäufe (Sebastiaan Bornauw, Anthony Modeste, Salih Oczan etc.), durch nicht entschädigte Verluste (Ellyes Skhiri, Jonas Hector) und Fehleinkäufe (Sargis Adamyan, Stefan Tigges) geprägt. Der Wert: fallend.

Gemessen an der sportlichen Lage wird der Kader absehbar eher halb so viel als doppelt so viel wert sein. Und nicht wenige Kölner fürchten, dass es demnächst weder zu einem Platz unter den Top Ten der ersten noch der zweiten Liga reichen könnte. Denn wenn der FC absteigt, wonach es verdächtig aussieht, dann wird es ein Abstieg in Fesseln, wie ihn noch kein zweiter Klub erlebt hat: Die Fifa-Transfersperre erleichtert dann auf unselige Weise die Kaderplanung. Verkäufe der besten Spieler sind unumgänglich, Einkäufe nicht möglich, die an Fürth verliehenen Juniorenspieler Jonas Urbig und Tim Lemperle kommen als Hoffnungsträger.

Wer die Misere auf dem Gewissen hat? Jedenfalls nicht der einzige Mann, der bisher dafür büßen musste: der ehemalige (Interims-)Sportchef und Vorstandsberater Jörg Jakobs. Fehleinschätzungen, Überheblichkeit und ein fahrlässiger Umgang mit dem drohenden Szenario der Transfersanktion sind das Werk der Vereinsführung und haben eine Krise heraufbeschworen, die in der nächsten Saison gefährliche Folgen haben kann.

Vom Zehn-Punkte-Plan des Vorstands ist der Versuch der Internationalisierung geblieben, auch wenn die fest einkalkulierten Mehrerlöse vermisst werden. Immerhin reiste Geschäftsführer Markus Re-jek kürzlich nach Japan. Dort hatte Präsident Werner Wolf einen „Fokusmarkt" für Auslandsaktivitäten lokalisiert, weil man mit den Japanern „nicht nur durch Zahlen, sondern auch durch Werte" verbunden sei. Nun unterzeichnete Marketingchef Rejek die Verlängerung eines Kooperationsvertrages mit dem Klub Sanfrecce Hiroshima und verkündete, was er zu verkünden hatte: „Wir teilen die gleichen Werte."

Die FC-Fans hätten es lieber gesehen, wenn ihr Verein mit dem Fokusmarkt auch ein paar Spieler geteilt hätte. Hervorragende Japaner spielen in Mönchengladbach (Itakura), Bochum (Asano) und Stuttgart (Ito), und mit japanischen Spielern steigt Fortuna Düsseldorf möglicherweise auf, während der 1. FC Köln ohne japanische Spieler möglicherweise absteigt. Noch allerdings kann der FC die Degradierung abwenden. Der Tabellenvorletzte spielt am Sonntag beim Viertletzten Mainz 05, und der Vorteil für die Kölner besteht nach Ansicht von Mark Uth darin, dass die Ausgangslage kein Taktieren mehr erlaube: „Wir haben halt jetzt nur noch diese eine Chance, wir müssen das Spiel unbedingt gewinnen", sagt Uth, 32. Der Angreifer würde dazu gern mehr beitragen als einen Kurzeinsatz, aber nachdem er fast die komplette Saison verletzt war, fehlt ihm nun die Puste für 90 Minuten. Immerhin: Für Trainer Timo Schultz steht Uth im Rang eines „Unterschiedsspielers", dem ein paar Minuten für ein Tor oder eine Vorlage reichen könnten.

Hätte Uth öfter spielen können, hätte der FC in der Bundesliga vermutlich mehr als äußerst kümmerliche 23 Tore geschossen. Aber es sollte besser niemand behaupten, dass seine Abwesenheit die Kaderplanung durcheinandergebracht hätte: Schon im Vorjahr hatte Uth wegen einer Schambeinverletzung lediglich drei Punktspiele machen können. Eine verlässliche Größe konnte er nicht sein.

Für die Kaderplanung im vorigen Sommer und deren Mängel sei er „hauptverantwortlich", sagt der Sport-Geschäftsführer Christian Keller. Die Aussage zeugt einerseits von Korrektheit und Standver-mögen, andererseits drückt sie die sehr weitreichende Wahrnehmung von Entscheidungshoheit aus, die von Mitarbeitern des Vereins auch als expansiv empfunden wird. Der Geschäftsführer Keller ist ein Verstandesmensch und nicht der Typ des autoritären Alleinherrschers, Beteiligte beschreiben ihn allerdings als einen Vorgesetzten, der grundsätzlich alles und vieles obendrein besser weiß.

Das Kölner Vorstandstrio vertraute bisher fest auf ihn, nun wird offenbar geprüft, ob man die Zusammenarbeit mit dem 45 Jahre alten Manager nicht besser beendet, wenn der FC im Sommer deklassiert werden sollte.

Doch soweit ist es noch nicht. Trainer Timo Schultz hat für das Finalspiel in Mainz angekündigt, es werde sich „einiges ändern – personell, aber auch von der Herangehensweise". Das klingt zwar sehr entschlossen, aber dass der stets verbindliche und angenehm auftretende Schultz nun plötzlich zum harten Hund mutiert, ist nicht sehr wahrscheinlich.

Sportchef Keller engagierte Schultz als eine Art Gegenentwurf zum populären Vorgänger Steffen Baumgart. Das sah so lange wie eine gute idee aus, bis die Kölner Mannschaft am vorigen Samstag gegen den Tabellenletzten Darmstadt 98 nicht hoch motiviert, sondern angsterfüllt ans Werk ging und 0:2 verlor. Schultz und auch Mark Uth hatten im Laufe der Woche gesagt, nun könne man als Außenseiter im Abstiegskampf dank einer „Scheißegal-Stimmung" frei aufspielen. Vielleicht. Aber wenn die Punkte ausbleiben, dann wird beim 1. FC Köln nichts mehr scheißegal sein, was in den vergangenen Jahren schiefgelaufen ist.