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Beim berauschenden Kölner 2:1 gegen Borussia Dortmund beendet der französische Stürmer Anthony Modeste in der 90. Minute seine Unglücksraben-Phase.
Man hat das kurz besprochen auf der Kölner Bank: Ein 1:1gegen Borussia Dortmund, das ist ja nicht schlecht, und wenn auch das Resultat dem Spielverlauf angemessen war, so war es durch die lustigen Umstände des Ausgleichstreffers doch einigermaßen glücklich zustande gekommen. Dieses Tor verdankte der FC lediglich zu einem Prozentsatz von 33,333dem Schützen Simon Zoller. Die übrigen Drittelanteile entfielen auf den gegnerischen Torwart, der im Bemühen um konstruktiven Spielaufbau einen schrecklichen Fehlpass verbrach, sowie auf die fleißigen Maulwürfe, die den Rasen in Roman Bürkis Strafraum umgegraben und ihm somit das missratene Zuspiel aufgenötigt hatten. Dieses 1:1 durften die Kölner also als frohe Botschaft betrachten, niemand hätte es den FC-Spielern verübelt, wenn sie sich nun in geschlossener Formation zurückgezogen hätten, um das teure Unentschieden zu hegen und zu pflegen. Vermutlich hätten ihnen das nicht mal die Dortmunder krumm genommen, denn die waren zu erschöpft für eine späte Gegenoffensive.
Aber die Verantwortlichen fassten einen anderen Plan. Jörg Schmadtke berichtete später von der spontanen Stabsbesprechung, die sich auf der Kölner Bank zutrug: "Wir haben überlegt, ob wir sie zurückhalten sollen. Aber dann haben wir entschieden: Nää - hopp oder top!" Im Nachhinein darf man dieses Nää - die rheinische Verneinung - als eine Art Fanfarenstoß verstehen. Peter Stöger und sein Trainerstab sowie der immer spielfeldnahe Manager Schmadtke gaben das Okay zum Angriff und wurden dafür mit Anthony Modestes Siegtreffer zum 2:1 belohnt. Stöger war darüber so glücklich, dass er einen Jubelsprung vollführte, mit dem er Jürgen Klopp Konkurrenz machen könnte.
Allerdings wäre es zu viel der Ehre für die Kölner Befehlsgewaltigen, den späten Sieg als strategisches Meisterwerk zu verherrlichen. Die Wahrheit ist, dass die Spieler gar nicht aufzuhalten waren, weil sie sich in einen manischen Zustand gesteigert hatten, der sie immer weiter nach vorn trieb: "Wir haben nach dem 1:1gesehen, dass das Momentum auf unserer Seite war. Aber die Mannschaft war auch einfach nicht zu stoppen", bestätigte Schmadtke. In diesen Minuten, in denen das Müngersdorfer Stadion von einer Massenekstase wie auf einer Vollmondparty erfasst wurde, kam es dem Kölner Mittelfeldspieler Yannick Gerhardt vor, als sei "irgendwie noch eine zusätzliche Kraft entstanden".
Gerhardt, 21, hatte vorher schon einen starken Auftritt, aber nun fing er an, mit filigranen Sololäufen zu brillieren, sein Spieldrang kannte keine Grenzen mehr: "Gegen die Wand gespielt" habe man Dortmund, stellte Verteidiger Dominique Heintz fest, 30 Minuten nach Abpfiff immer noch atemlos vor Erregung. Typisch für die entfesselten Kräfte war der urgewaltige Kopfball, mit dem Sörensen das 2:1 vorbereitete, und typisch für diesen in Öl gemalten Prachttag war auch, dass der eingewechselte Modeste mit einem Kunstschuss sein langes Unglücksrabendasein beendete.
Dabei hatte Dortmund die Vorstellung programmgerecht eröffnet. Der Anpfiff schien auf die Gäste die Wirkung eines Knopfdrucks zu haben. Sofort starteten sie ihr routiniertes, einstudiertes Kombinationsspiel, Weigl und Gündogan lenkten aus dem Mittelfeld das Geschehen, und die in Abwehrhaltung formierten Kölner bestaunten voller Respekt die Spielkunst des Gegners. Das1:0 durch Sokratis ließ einen standesgemäßen Favoritensieg erwarten. Aber dann gaben die Dortmunder auf subtile Weise nach, sie begnügten sich mit der imaginären Spielkontrolle, und das sollte ihr Verhängnis werden. "Wir hätten das 2:0 erzielen müssen, das haben wir versäumt", meinte Thomas Tuchel, "in der zweiten Halbzeit waren wir nicht mehr so zielstrebig und haben zu viel zurückgespielt". Die Kölner dagegen fingen an, so der Borussen-Trainer, "das Spiel auf die emotionale Ebene zu heben". Die Borussen taten mit schlampiger Defensive das ihrige dazu.
Diese aus den Händen gegebene Partie hat Tuchel nicht an seiner Lehre und seinen Schülern zweifeln lassen, er nahm die Niederlage verblüffend gelassen, gegen Ende stellte er sogar sein üblicherweise energisches Coaching ein und ertrug das Unvermeidliche. Aus seiner Sicht war dieses 1:2 zwar vermeidbar, "aber ein schlechtes Halbjahr wird jetzt nicht mehr draus", entschied er. In seinem Einstandssemester hat Tuchel die Erwartungen seines Arbeitgebers und die eigenen ehrgeizigen Ansprüche reichlich erfüllt, "jetzt haben wir es erst mal alle verdient, in den Urlaub zu gehen - auch ich", sagte er sehnsüchtig.
Das große Rätsel gaben stattdessen die Kölner auf. Vier der mutmaßlichen sechs Spitzenklubs hat der FC in der Hinrunde besiegt (Gladbach, Schalke, Leverkusen, Dortmund), gegen Wolfsburg gab es ein 1:1. Was also ist schiefgelaufen, dass der FC nicht dort steht, wo derzeit Hertha BSC residiert? Solche Fragen gefielen den Kölner Verantwortlichen gar nicht. Missmutig startete Trainer Stöger einen Vortrag, in dem er darüber belehrte, dass sein Team kürzlich noch in der zweiten Liga zu Hause war, Manager Schmadtke gab mürrisch bekannt: "Ziel ist es, die Klasse zu erhalten." Diesmal scheint es sich immerhin um einen Abstiegskampf de luxe zu handeln.